Hochtouren um Kandersteg

06. Juli 2019 - 11. Juli 2019, Berner Oberland.

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Hochtouren um Kandersteg

Müsste man diese Tour mit Hashtags versehen, mir würden gleich ein paar einfallen: #Bachüberquerung #Geröllhaufen #EssenbisderBauchspannt #perfektesRegenTiming #lilaBlümli

Aber beginnen wir von vorne. Der Wecker klingelte um 4 Uhr! Viel zu früh, stand doch nur der Hüttenanstieg an. Da wir (das waren Martina, Markus und Holger) aber den am Nachmittag vorhergesagten Gewittern und Regen aus dem Weg gehen wollten, blieb uns fast nichts anderes übrig, als mitten in der Nacht Richtung Berner Alpen aufzubrechen. Anfänglich mit der Seilbahn, dann gemütlich am Daubensee entlang, an „kalbenden“ Schneefeldern vorbei und zum Schluss steil ansteigend zur Lämmerenhütte (2502 m) hinauf, die für drei Tage unser Quartier werden würde. Die Hütte sitzt auf einem kleinen Hochplateau oberhalb des Lämmerenbodens, zwischen den Ausläufern des Wildstrubels und des Lämmerentals. Wie erhofft kamen wir noch rechtzeitig vor dem Regen an und verbrachten den Rest des Tages mit Kuchen essen und Schlaf nachholen – es gibt sicher schlechtere Beschäftigungen...

Die erste Tour zum Eingehen sollte auf den Roten Totz (2847 m) und über den Ostgrat auf das Steghorn (3146 m) führen. Bereits kurz nach der Hütte war das Lämmerental fast durchgehend mit Schnee bedeckt, so dass wir einfach im Schnee Richtung Rote Totz Lücke emporstiegen und den eigentlichen Weg, der am Grat entlanglief, ignorierten. Nur wenige Meter vor dem ersten Gipfel überzeugte uns aber lautes Donnergrollen davon, unser Vorhaben eher möglichst schnell abzubrechen. Da der einsetzende Nieselregen aber schnell wieder aufhörte und das Gewitter südlich an uns vorbeizog, entschieden wir auf halber Strecke zur Hütte, das Steighorn doch noch in Angriff zu nehmen und zwar dem Normalweg folgend über das „Leiterli“ einem netten, kleinen, teilweise versicherten Durchschlupf durch eine Felswand. Das Steghorn erinnerte von der Form her ein wenig an den hohen Ifen und bot uns einen 1A Ausblick auf die sieben! Gipfel der nächsten Tour. Der Abstieg vom Steghorn war umso angenehmer, da wir den ein oder anderen Meter einfach auf dem Hintern sitzend den Schnee runterrutschen konnten. Zugegeben, das erste Mal eher unfreiwillig, da es aber prima funktionierte, zogen alle anderen schnell nach und hatten dabei eine Mords Gaudi. Kurz vor der Hütte setzte dann auch der nächste Regenschauer ein, was uns aber ziemlich egal war, da wir quasi schon im Trockenen waren. Das 4 Gänge Essen auf der Hütte war super lecker und es gab Nachschlag bis zum Abwinken – was leider jeden Abend zu einer gewissen Fressstarre führte…

Die vielen Kalorien konnten wir am nächsten Tag gut gebrauchen. Das Lämmerenhufeisen stand auf dem Plan, also sieben 3000er am Stück: Schwarzhorn, Rothorn, Schneehore, Chlis Schneehore, Wildstrubel, Wildstrubel Mittelgipfel und Großstrubel! Früh am Morgen machten wir uns auf. Die erste Aufgabe war es, den Gletscherbach zu überqueren, da die Brücke leider erst in der kommenden Woche installiert werden würde. Unsere Hoffnung war, dass das Schmelzwasser über Nacht nachlassen würde und wir irgendwo drüber hüpfen können. Dummerweise hatte es aber relativ viel geregnet, auch nachts noch, so dass der Wasserstand eher noch höher war als am Vortag. Es half alles nichts, Hose hochkrempeln, Stiefel ausziehen und eine erfrischende Kneippkur in der Morgendämmerung einlegen…  So, nun war wirklich jeder wach… Das nächste Highlight war das Bezwingen der Felsabbrüche des Schwarzhorns. Es sollte über zwei Leitern und einem Brett mit Tiefblick gehen. Von Weitem machte die eine Leiter schon einen sehr seltsamen Eindruck…irgendwie verdreht, so als ob man sie quasi rücklings im Überhang hochsteigen müsste… Bei näherer Betrachtung stellt sich tatsächlich heraus, dass das Teil mittig um 180° verdreht war und wie ein Kuhschwanz wackelte. Ups! Holger versuchte noch, die Stelle zu umklettern und uns nachzusichern, aber das brüchige Gestein hätte keine vernünftige Sicherung zugelassen und mit Bergstiefeln an den Füßen wäre es auch nicht so ganz trivial gewesen. Also gut, Abbruch und Plan B. Es gab früher einen anderen Weg, der anfangs über den Lämmerengletscher führt, der aber aufgrund der abschmelzenden Gletscher nicht mehr empfohlen wird. Wir machten uns also in Richtung des anderen Weges auf und stießen alsbald auf relativ neue Markierungen. Komisch, aber egal. Diesen folgend gelang man relativ einfach über den steilen felsigen Teil und querte dabei sehr idyllisch einen der vielen kleinen Wasserfälle in der Wand. Nun ja, später auf der Hütte erfuhren wir, dass die Leiter schon im vorletzten Winter demoliert wurde und der neue Weg bereits seit einem Jahr eingerichtet war – na, das hätte man uns auch vorher sagen können, wir hätten uns gut eine halbe Stunde Irrweg gespart. Nach einem kleinen, eigentlich unnötigen Schlenker über den Gletscher hatten wir dann geschwind den ersten Geröllhaufen, pardon, ich meine natürlich Gipfel in der Tasche, das Schwarzhorn (3104 m). Zum nächsten Gipfel ging es dann wieder zurück auf den Gletscher und zum Schneejoch. Um zum Joch hoch zu kommen, mussten wir ein paar Meter hoch klettern, nicht wirklich schwierig, aber jeder vermeintliche Griff erwies sich doch wieder nur als loser Brocken. Holger hatte daher so seine Mühe, eine vernünftige Sicherung aufzubauen und stopfte sein halbes Sicherungsportfolio ins bröckeliche Gestein. Danach folgte nun die Geröllhaufenparade im permanenten bergauf und bergab: Rothorn (3103 m), Schneehore (3179 m), Chlis Schneehore (3147 m) und Wildstrubel (3244 m). Ein Geologe hätte seine wahre Freude gehabt. Die Gesteinsbrocken änderten alle paar Meter sowohl die Form als auch die Farbe: Schieferartig in schwarz, braun oder ocker, mal flach, mal senkrecht geschichtet, dann wieder größere Brocken in grau, braun oder gelb…und zwischen drin, es erstaunt mich immer wieder, nette kleine lila Blümchen. Unsere späteren Recherchen ergaben, dass es sich wahrscheinlich um Polsternelken handelte, die dank langer Pfahlwurzeln auch in dieser mega tristen Umgebung noch an Nährstoffe kommen. Am „Gipfel“ des Wildstrubels – er erinnerte doch sehr an ein leicht gebogenes Geröll-Fußballfeld - meinte das Wetter endgültig auf garstig wechseln zu müssen. Uns wehte eine heftige Brise ins Gesicht und Nebel verkürzte dich Sicht auf ein paar zig Meter… ausgerechnet jetzt, wo es auf den Wildstrubelgletscher gehen sollte. Nach kurzer Peilung mit dem Kompass kamen wir aber trotzdem zielsicher am Wildstrubel Mittelgipfel an. Für die komplette Runde fehlte jetzt nur noch der Großstrubel, je nachdem nochmal 1.5 – 2 Std extra, evt mit Rückkehr zum Mittelgipfel, wenn der andere Abstieg nicht gehen sollte. Eine zweidrittel Mehrheit (😊 ) sorgte dann aber doch für den direkten Abstieg Richtung Hütte. Es hatte auch niemand ahnen können, dass es bereits 30 Min später wieder komplett aufreißen würde und uns die Sonne für eine Weile ins Gesicht lachte. Fürs Regentiming war die Entscheidung aber wieder goldrichtig, denn wieder kurz vor der Hütte bescherte uns Petrus etwas Nass von oben, was uns abermals nicht wirklich etwas ausmachte.

Der nächste Tag war im Prinzip nur ein Transfertag zum Berghotel Schwarenbach, den Holger mit einem Schlenker durchs „Tälli“ entlang des Engstligengrats und einem Besuch auf dem Tschingellochtighore (nein, meine Tastatur hat keinen Hänger!) ordentlich aufpeppte. Der Tschingellochtighore erfreute die Kletterfreunde mit einer Seillänge netter Kletterei. Allerdings erfolgte der Zustieg – wer hätte es geahnt – wieder durch eine rutschige, steile Schutthalde, bevor man sich dann genussvoll einen Kamin schlangenartig „hochtschingeln“ durfte… Unser weiterer Weg führte uns noch über Waldiswang und Schwarzgrätli Richtung Schwarenbach, obligatorisch mit leicht einsetzendem Regen kurz vorm Hotel…

Dass das Essen im Hotel etwas nobler sein könnte, war nicht ganz überraschend, dass es aber von allen Gängen abermals Nachschlag gab schon. Da war sie wieder, die Fressstarre nach dem „Nachtessen“, wie die Schweizer das Abendessen nennen.

Am nächsten Tag stand das absolute Highlight an, das Balmhorn und Petrus bescherte uns zur großen Freude endlich mal ein beständiges Hoch ohne Gefahr von Regenschauern. In der Morgendämmerung machten wir uns auf, um den Fuß des Chli Rinderhorns herum auf den Schwarzgletscher. Nachdem weit und breit keine Spalten zu erkennen waren, stiegen wir ohne Seil den zum Schluss gut 35° steilen Gletscher schweißtreibend zum Zackengrat auf 3034 m hinauf. Am Grat angekommen bot sich uns ein sensationeller Blick vom Wallis bis zur Mont Blanc Gruppe und lud definitiv zu einer kleinen Pause ein. Der Zackengrat war für hochalpine Verhältnisse sehr gutmütig, fast schon wie eine Autobahn, reines Gehgelände und so breit, dass man einfach entlang spazieren konnte. Nach ca. 350 Höhenmeter erreichten wir wieder vergletschertes Terrain, der letzte Aufschwung zum Gipfel. Insgesamt war dieser knapp unter 30° und somit eigentlich recht einfach aber zu beiden Seiten steil abfallend und somit doch Absturzgelände und leider gänzlich aper. Es gab somit nur zwei vernünftige Möglichkeiten entweder ganz ohne Seil oder als Seilschaft gesichert durch Schrauben. Da wir zeitlich nichts zu befürchten hatten, wählte Holger die zweite Variante und drehte ein paar Eisschrauben mit T-Blocks ins Eis. Kurz vor dem Gipfel wurde es wieder flacher, schneebedeckt und definitiv auch spaltiger. Wir mussten noch eine schmale, wenig vertrauenswürdige Schneebrücke überqueren und dann waren wir auch schon oben, auf 3697 m mit einem phantastischen Rundblick auf alles was in den Westalpen Rang und Namen hat: Eiger, Mönch, Jungfrau, Dom, Monte Rosa, Matterhorn und natürlich auch der Mont Blanc im Westen. Wir waren tatsächlich allein am Gipfel und genossen die ausgiebige Pause. Trotz bestem Wetter waren an diesem Tag außer uns nur noch zwei Einzelgeher! und eine Zweiergruppe am Gipfel, zeitlich aber so versetzt, dass jeder seine Ruhe hatte. Der Abstieg folgte der Aufstiegsroute, den ersten Gletscher teilweise am Fixseil, den zweiten bequem im weichen Firn direttissimo nach unten. Die üppige Schneeauflage reichte noch weit unterhalb des Gletscherbereichs. Doch die Freude über den bequemen, knieschonenden Abstieg im Schnee, wich bald der Erkenntnis, dass links von uns der Bach unter der Schneedecke gluckerte und uns somit auf die rechte Uferseite des Baches trieb. Blöd, dass unser Weg eigentlich links vom Bach weiter ging und die Wassermassen schon so mächtig waren, dass wir leider nicht mehr drüber springen konnten. Na gut, dann halt rechts vom Bach weiter, wohlwissend, dass uns dann wieder gute 100 mH Gegenanstieg erwarten würden. Irgendwann tauchte dann doch noch ein weiterer Weg nach links auf, der uns den Umweg evt. doch noch verkürzen würde. Doch auch hier hieß es irgendwie über den Bach kommen, denn Brücken gab es keine. Mit sehr beherzten Sprüngen schafften wir es tatsächlich trocken auf die andere Seite, der schweißtreibende Gegenanstieg zum Hotel blieb uns aber trotzdem nicht erspart.

Vom Balmhorngipfel hatten wir schon eine gute Sicht auf das Rinderhorn, das durch eine stattliche Figur glänzte und unser letztes Ziel in dieser Woche werden würde. Nun ja, der Weg auf immerhin 3449 m würde mal wieder über viel Geröll, Null Gletscher und ein bißchen Firn führen. Das Ganze müssten wir natürlich auch wieder runter und noch weiter bis zum Sunnbüel absteigen. Tja, nach der wirklichen tollen Tour aufs Balmhorn war diese Aussicht irgendwie nicht mehr ganz so verlockend. Stattdessen stieß der Gegenvorschlag mit Ausschlafen und dann noch ein wenig Sportklettern im Winteregger Klettergarten schnell auf allgemeinen Zuspruch. Manchmal ist weniger mehr 😊. Auf diese Weise hatten wir außerdem unsere Kletterschuhe und Exen nicht umsonst mitgeschleppt. Beim abschließenden Einkehren konnten wir dann ein letztes Mal unsere Euros und Fränklis hin und her schachern und beendeten sechs tolle Tage in den Berner Alpen mit ca. 90 km in den Beinen und 5500 Höhenmeter gänzlich ohne Muskelkater. Da kann man definitiv von perfekter Tourenplanung sprechen. Vielen Dank Holger für eine sehr schöne Woche in der wir fast alles abgegrast haben, was das Gebiet so hergibt!

Autor: Martina Wein